02.02.2018

So war's früher bei uns in Oberkleen

7. Heft der Oberkleener Heimathefte


"Wir schnitzten Weidenpfeifen, liefen mit unserem Steckenpferd oder einem Eisenreif durch den Ort und wenn ein Bräutigam seine Geliebte zum Traualtar führte, musste er an uns Kinder einen Geldbetrag bezahlen, damit wir dem Weg zur Kirche freimachten.“ Diese Erinnerungen an eine Kindheit in den 30er und 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Oberkleen stammen aus dem 7. Oberkleener Heimatheft, das der Heimat- und Geschichtsverein Oberkleen e.V. (HGO) kürzlich veröffentlicht hat.

 

Die Dorfstraße mit dem Hirschwirt’schen Haus

 

„So war’s früher bei uns in Oberkleen“. Das ist der Titel des neuesten Werks von Erwin Glaum (Jahrgang 1928) und seinen drei Mitautoren. Der Herausgeber und Hauptautor des Heftes gibt auf knapp 200 mit 125 Fotos reich bebilderten Seiten die Erfahrungen und Erlebnisse seiner Kinder- und Jugendzeit wieder. Für das Layout und die Bildgestaltung sorgte Hans-Gerhard Stahl.


Bei einem Spaziergang durch Oberkleen beschreibt Erwin Glaum die ortsbildprägenden Gebäude wie Kirche, Schule, Pfarrhaus, Altes Rathaus und Backhäuser, aber auch die nähere Umgebung des Ortes und weist auf die Handwerksbetriebe und Gewerbetreibenden der damaligen Zeit hin.

 

Ein Hochzeitspaar in Hüttenberger Tracht in den 1930er Jahren

"Auf diese Weise möchte ich das Verständnis und die Neugierde für die Vergangenheit wecken. Fotos aus früherer Zeit sollen darüber hinaus Einblicke geben, wie unsere Heimat Oberkleen vor etwa 80 Jahren aussah", sagt Erwin Glaum. Die Zeitspanne der 1930er und 1940er Jahre beschreibt nur einen kleinen geschichtlichen Abschnitt, der jedoch im Vergleich zur heutigen Zeit, mit den Errungenschaften des späten 20. und 21. Jahrhunderts vermeintliche Defizite aufweist, die für die Menschen der damaligen Zeit gar keine waren.




Viele Sitten und Gebräuche aus der damaligen Zeit sind heute leider weitestgehend vergessen oder unbekannt, deshalb war es dem Autor wichtig, genau diese Zeitspanne aus der Geschichte seines Heimatdorfes zu erforschen und festzuhalten. "Es erschien uns auch deshalb sinnvoll, weil es noch Zeitzeugen gibt, die ihre Erlebnisse und Erfahrungen weitergeben können", erklärt der Autor das Thema des jüngsten Heftes dieser Reihe.

 

Ein Original Oberkleener Kastenschlitten

Erwin Glaum beschreibt viele schöne alte Kinderspiele, die sicherlich bei so manchen Lesern Erinnerungen an früher hervorrufen werden. Das Spiel mit Murmeln war beliebt, die Jungen spielten mit Pfeilen, die Schulmädchen mit Bällen und wer mutig war, sprang mit Hilfe einer Stange über den Kleebach. Das Seilspringen war früher eine Domäne der Mädchen. Beim Schlittschuhlaufen war die Dorfjugend vereint, ebenso beim Schlittenfahren auf dem „Trieb“. Wissen und handwerkliches Geschick brauchte man zur Herstellung einer Weidenpfeife. Sehr beliebt war auch das Stelzen laufen. Bei schlechtem Wetter spielte man Mensch ärgere dich nicht, Mühle oder Mikado. Gerne beschäftigten sich die Jungen auch mit Laubsägearbeiten oder Metallbaukästen.


Im Sommer fingen die Kinder und Jugendlichen Junikäfer, die am nächsten Morgen der hungrigen Hühnerschar zum Fraß hingeworfen wurden, 10 Pfennige bekamen die Jugendlichen für jeden gefangenen Maulwurf, der in der damaligen Zeit als Schädling eingestuft wurde. Mädchen und Jungen trafen sich vor der Konfirmation, um korbweise Rosen aus Krepppapier anzufertigen, um damit die Kirche zu schmücken. Schulkinder holten sich bei Onkel und Tante am Neujahrstag das „Naujährche“. Den Verliebten im Dorf wurde das „Pädche gestreut“ um damit die „heimliche Liebe“ bekannt zu machen.

 

 

Zahlreiche Beispiele machen bildhaft deutlich, wie das Leben rund um Haus und Hof ablief. Nach der Hausschlachtung gab es die Metzelsuppe, die Wurst wurde in der „Daas“ geräuchert. Damit man den „Hoink“ kochen konnte, mussten die Kinder zunächst die „gläsernen Stiefel“ und das „Hoink-Leiterchen“ am anderen Ende des Dorfes holen. Im Herbst ging es zu nachtschlafener Zeit mit Mutter und Oma in den Butzbacher Wald, um Heidelbeeren zu pflücken. Fünf (!) Stunden später hatte jeder ein kleines Eimerchen voll mit Heidelbeeren. Am folgenden Samstag gab es dann als Belohnung den lecker schmeckenden Heidelbeer-Kuchen.

 „Viele dieser Sitten und Gebräuche sind heutzutage vollkommen aus dem Dorfbild verschwunden“, bedauert Erwin Glaum.

 

Oberkleen wurde von der Landwirtschaft geprägt. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, besaß jede Familie Land, das auch landwirtschaftlich genutzt wurde. Geschildert im Heft werden das Säen, die Pflege, das Düngen und die Ernte des Getreides. Die Einwohner waren voller Spannung, sobald die Dreschmaschine in das Dorf kam. Für die Kinder war es aufregend zuzuschauen, wie der Dreschwagen und vor allem die Antriebsmaschine – die „Schwarz“ – in die kleinen Gässchen manövriert wurden. Am Tag der Kartoffelernte durften die Kinder im nahe gelegenen Wald Reisig holen und ein Feuer mit dem Kartoffelkraut machen. „Die in dem Feuer gegarten und leicht angebrannten Kartoffeln schmeckten allen Anwesenden besonders gut!“, erinnert sich unser Mitglied und Autor Erwin Glaum.


Es soll aber auch nicht die schwere Arbeit in der Landwirtschaft verschwiegen werden. In einem Beitrag wird auf die großen Belastungen der Frauen eingegangen, denen sie bei ihren Tätigkeiten rund um Haus und Hof ausgesetzt waren. Arbeiten auf dem Feld wie Heu wenden, das geschnittene  Getreide mit der Sichel aufnehmen, Dickwurz hacken und Kartoffeln mit dem Karst ausmachen, waren Schwerstarbeiten!


Schwerstarbeit für Frauen: Mit dem Karst mussten sie die Kartoffeln ausmachen

 

Im letzten Kapitel des Heftes beschreibt Bernhard Reuter (1906-1997) das Brot- und Kuchenbacken. Ein Artikel der aus dem Heimatbuch von Bernhard Reuter in Heft 7 übernommen wurde. Ergänzt wird das Kapitel um die Backordnung der Backhäuser aus dem Jahre 1886, die auch in den 1930er und 1940er Jahren noch Anwendung fand.

 

„Seit Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich in allen Lebensbereichen große Veränderungen vollzogen“, resümiert der Herausgeber. Das Buch soll verdeutlichen welche Umbrüche es  in den vergangenen Jahrzehnten in Oberkleen gegeben hat, wobei aber der Ort Oberkleen nur beispielhaft dafür steht, welche Veränderungen sich im dörflichen Leben seit dieser Zeit ereignet haben.

17.07.2016

Umsetzung des historischen
Grenzsteines Nr. 248 

Die Grenze zwischen dem Herzogtum Nassau und dem Königreich Preußen wurde durch Grenzsteine markiert. Viele dieser Grenzsteine sind auch heute, ca. 200 Jahre nach dem Setzen der Steine, noch sichtbar. So auch im Bereich der ehemaligen Verwaltungsgrenze zwischen den Gemeinden Cleeberg und Oberkleen. Diese Grenzsteine sind Kleindenkmäler im Sinne des hessischen Denkmalschutzgesetzes. Die Steine markieren aber heute keine gültigen Verwaltungsgrenzen mehr.

 

Beim Bau des Fahrradweges zwischen den Gemeinden Cleeberg und Oberkleen musste der Grenzstein Nr. 248, der sich im Bereich des hinteren Hartwaldes in der Nähe des Hochwasser – Schutzwalls befindet, entfernt werden. Nach der Wiedersetzung des Steines entsprachen sowohl der Standort als auch die Ausrichtung des Steins nicht mehr der ursprünglichen Lage.

Grenzstein Nr. 248
Historischer Grenzstein Nr. 248

Im Beisein des Beauftragen für historische Grenzsteine Herrn Uwe Mathes aus Braunfels wurde von Mitgliedern des Heimat- und Geschichtsvereins Oberkleen e.V. der historische Grenzstein, der die ehemalige Grenze zwischen dem Herzogtum Nassau und dem Altkreis Wetzlar markiert, wieder auf die historische Grenze zurückgesetzt und auch in der Ausrichtung des Steines wurde dem historischen Grenzverlauf Rechnung getragen.

  
Grenzverlauf von 1826
Ausschnitt der Flurkarte von Oberkleen aus dem Jahre 1826 (Quelle: HHSTAW)

Der Kartenausschnitt der Flurkarte von Oberkleen aus dem Jahre 1826 zeigt einen Ausschnitt im Bereich der Flur VI an der Grenze zwischen dem Herzogtum Nassau (rechts) und dem damaligen Kreis Wetzlar. An dieser ehemaligen Grenze befindet sich dieser Stein.

 

Oberkleen gehörte bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum Amt Cleeberg. Bis 1803 wurde das Amt Cleeberg von Hessen-Darmstadt und Nassau-Weilburg im Verhältnis 2/3 zu 1/3 gemeinsam verwaltet. 1803 ging das Amt in den Besitz von Nassau-Weilburg und schließlich in den Besitz des Herzogtums Nassau über. Mit der Auflösung des Amtes Cleeberg wurde Oberkleen zusammen mit Ebersgöns dem Amt Atzbach zugeschlagen. 1816 ging das Amt Atzbach in den Besitz des Königreichs Preußen über. Der im Jahre 1816, also vor 200 Jahren gegründete Kreis Wetzlar wurde der preussischen Rheinprovinz zugeordnet und gehörte damit zum Regierungsbezirk Koblenz.

 

Herr Mathes (4. v.l.) und Mitglieder des HGO nach getaner Arbeit

 

30.01.2013

Der Schriftzug im Turm der St. Michaelis Kirche zu Oberkleen ist enträtselt 

 Der Leiter der Evangelischen Archivstelle Boppard Dr. Andreas Metzing war anlässlich der Vorstellung des dritten Heftes der Oberkleener Heimathefte in unserer St. Michaelis Kirche. Noch am selben Tag präsentierte er die Lösung des bisher unbekannten Schriftzuges über dem Westportal und schrieb an den Autor des Heftes Erwin Glaum: „Die Inschrift im Oberkleener Kirchturm könnte etwa in folgender Art angeordnet gewesen sein (die erhaltenen Buchstaben sind fett gedruckt, die anderen kursiv)":

Der Schriftzug im Turm ist enträtselt


Bei diesen Worten handelt es sich um Verse aus dem alttesta-mentlichen Buch Hiob (Kapitel 19, die Verse 25 bis 27) – allerdings in der ursprünglichen Übersetzung der Bibel durch Martin Luther aus dem Jahre 1545, die sich vom heute gebräuchlichen Text stark unterscheidet. Wahrscheinlich konnte deshalb bisher niemand das Rätsel lösen.  

Damit ist Dr. Metzing der Gewinner des auf der letzten Seite des Beiheftes ausgelobten Gewinnspiels. Herzlichen Glückwunsch.    


02.07.2015

Emporenbilder St. Michaelis Oberkleen
3 Emporenbilder der St. Michaelis Kirche in Oberkleen

 

Daniel Hisgen als Maler der Emporenbilder nachgewiesen

Die Vermutung war seit Jahren bekannt, nun jedoch konnte auch der Nachweis erbracht werden, dass der Kunstmaler Daniel Hisgen die Emporenbilder der St. Michaelis Kirche in Oberkleen geschaffen hat. Die beiden Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins Oberkleen e.V. Erwin Glaum und Hans-Gerhard Stahl machten diesen historisch bedeutsamen Fund. Sie besuchten im April 2015 das Archiv der Rheinischen Kirche in Boppard, um die dort aufbewahrten Rechnungen der Kirchengemeinde Oberkleen aus der Zeit von 1722 bis 1806 zu sichten. Vorrangig ging es den beiden Heimatforschem darum, nach Hinweisen über den Maler der Emporenbilder zu suchen.

 

Emporengemälde Kirche Oberkleen
Emporenbild Nr. 7: „Moses Errettung" Bibelstelle: II. Mose II

 

 

Die entsprechenden Hinweise fanden die Beiden im Rechnungsbuch aus dem Jahre 1770 über den Neubau des Kirchenschiffs. Danach wurden für das Ausmalen der Kirche und für das Vergolden dem Kunstmaler Daniel Hisgen 193 Gulden und 8 Kreuzer bezahlt. Die verwendeten Farben und das Gold kosteten zusätzlich 163 Gulden und 76 Kreuzer.

Welchen Gegenwert hatte diese Summe am Ende des 18. Jahrhunderts? Das Münzsystem war damals dreigeteilt: 1 Florin/Gulden entsprach 30 Alby oder 60 Kreuzer. So erhielt ein Arbeiter für das Steinbrechen pro Tag 20 Kreuzer. Der Arbeitslohn für 8 Tage Fundamentgraben betrug 2 Gulden und 16 Kreuzer. Ein Mann wurde nach Frankfurt geschickt, um Tannenholz zu begutachten. Dafür wurde er mit 4 Gulden entlohnt. Diese Vergleichsbeträge sollen einen gewissen Eindruck vermitteln, um die Ausgaben an Daniel Hisgen sowohl für das Ausmalen des Kirchenschiffs als auch für Farben und Gold einzuordnen.

 

Kirchenbuch von 1770
Ein Eintrag im Heft der Kirchenbau-Rechnung zu Daniel Hisgen

 

Wir müssen davon ausgehen, dass Daniel Hisgen außer den Emporebildern auch das Deckengemälde, die vier Rokaillen und die Bilder der vier Apostel an der Kanzel gemalt hat. Wer war dieser Daniel Hisgen? Er war Kirchenmaler in der Zeit des Rokoko und wurde als Sohn eines Pfarrers am 10. April 1733 in Nieder-Weisel geboren. Es fehlt allerdings der Eintrag im Kirchenbuch. Die Vorfahren der Familie waren Hugenotten, die aus Frankreich über Holland geflohen waren und sich dann im Raum Wetzlar, Lich und Montabaur niedergelassen hatten. Sein Vater Johann Georg Hisgen versah in Nieder-Weisel seinen Dienst als Pfarrer von 1732 bis 1769. Daniel Hisgen heiratete am 28. April 1769 die Philippina Louisa Stiehler aus Alten-Buseck. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor, drei Mädchen und drei Söhne. Die älteste Tochter, Johannetta Catharina, wurde 1769 nur wenige Wochen nach der Hochzeit geboren. Hierfür wurde dem Paar eine Kirchenstrafe auferlegt. Der älteste Sohn Friedrich Wilhelm wurde 1773 geboren. Daniel Hisgen lebte mit seiner Familie in Lich und starb dort am 19. Februar 1812. Das Wohnhaus der Familie steht noch in der Seelenhofgasse in Lich. Kennzeichnend für Hisgen ist die spätbarocke Lichtführung, die eine Bewegung der Figuren andeutet. Hisgens Werke haben die Bilder von C. Meurer aus der sog. Tübinger Bibel zum Vorbild. Typisch für Hisgen ist auch die Darstellung in zeitgenössischer Rokoko-Kleidung, besonders deutlich bei dem Bild "Mose Errettung", auf dem die ägyptische Prinzessin Mose aus dem Wasser rettet.

 

Deckengemälde Kirche Oberkleen
Das Deckengemälde thematisiert die „Himmelfahrt Jesu“

 

Werfen wir einen Blick fast 250 Jahre zurück in das Dorf im Kleebachtal. Es ist das Jahr 1770 und in Oberkleen steht am Erntedank-Sonntag ein ganz besonderer Festlicher Gottesdienst an, denn das neu erbaute Kirchenschiff wird eingeweiht. Der Kunstmaler Daniel Hisgen dürfte als Maler zahlreicher Bilder bei dieser Weihe unter den Honoratioren in der ersten Reihe gesessen haben. Zu den Honoratioren zählten sicherlich auch die Vertreter des Fürstentums Nassau-Weilburg und der Grafschaft Hessen-Darmstadt, zu denen das Amt Cleeberg und damit Oberkleen gehörten. Auch sollten der Kirchenbaumeister Johann Konrad Rühl sowie der damalige Oberkleener Dorfpfarrer Johann Friedrich Schmidtborn und sein Vorgänger Daniel Draudt anwesend gewesen sein.

 

Pfarrer Schmidtborn starb ein Jahr nach der Einweihung des Kirchenschiffs im Jahre 1771 im Alter von 35 Jahren. So konnte er sich nur kurze Zeit an der Schönheit des neu erbauten Sakralraumes erfreuen.

 

Kirchenschiff St. Michaelis Oberkleen
Blick ins Kirchenschiff im Juni 2015

 

Wesentlichen Anteil an der künstlerischen Ausgestaltung des Kirchenraumes haben die 25 Gemälde zur biblischen Geschichte - angefangen von der Schöpfung bis zur Ausgießung des Heiligen Geistes - welche die drei seitige Empore der St. Michaelis Kirche zieren. Das jeweilige Bildelement besteht aus dem eigentlichen Gemälde, dem Holzrahmen, der Bildunterschrift und der zum Gemälde gehörenden Bibelstelle. Die Gemälde wurden zuletzt im Jahre 1979 beim Landesamt für Denkmalpflege in Wiesbaden restauriert.

Professor Dr. Heinz-Lothar Worm aus Linden-Leihgestern hat bereits im Jahre 2011 bei einem Besuch der Kirche in Oberkleen die Vermutung geäußert, dass die Emporenbilder von Daniel Hisgen geschaffen wurden. Diese Vermutung wurde bekräftigt durch die Wiedergabe von 43 Gemälden der Atzbacher Kirche in einem Andachtsbuch, das der Unterstützungsverein der Kirchengemeinden Dorlar und Atzbach herausgegeben hat. Die Emporengemälde der Atzbacher Kirche weisen demnach oft das gleiche Motiv auf wie die in Oberkleen und lassen auf eine ähnliche oder gleiche Maltechnik schließen. Außerdem befinden sich von dem Maler Hisgen zwölf Darstellungen zur biblischen Geschichte an der Emporenbrüstung der evangelischen Kirche in Leihgestern. Eine davon trägt die Signatur des Malers: "D. Hisgen pinixt1789".

 

In der evangelischen Jakobuskirche in Lang-Göns entdeckte Dr. Walter Hilbrands, Dozent an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen, im vergangenen September eine Hisgen-Signatur aus dem Jahre 1775 auf einem der 20 Bilder mit biblischen Motiven, deren Maler und Entstehungsjahr bis dahin unbekannt waren. Somit war die Hisgen-Verfasserschaft auch für diese Bilder erbracht.

 

Erhaltene Brüstungsmalereien, die Hisgen zugeschrieben werden, findet man in 13 Kirchen in Oberhessen. In sechs dieser Kirchen wurde die Urheberschaft Hisgens nachgewiesen, unter anderen in Atzbach, Lang-Göns, Leihgestern und nun auch in Oberkleen.

 

Leider sind aus dem Rechnungsbuch die letzten 12 Blätter offenbar schon zu einem frühen Zeitpunkt herausgetrennt worden. Möglicherweise hätte man noch weitere Ausgabenposten gefunden, die dem Maler Daniel Hisgen hätten zugeordnet werden können.

 

15.06.2014 

Die Schmelz-Hütte bei Oberkleen

Eine Baukosten Rechnung über die Errichtung einer Schmelz-Hütte im Jahre 1562

 

Ausschnitt aus den Original-Dokument HHSTAW Abt. 166/167 Sig. 1970

Der Heimat- und Geschichtsverein Oberkleen e.V. stellt das 4. Heft seiner Reihe „Oberkleener Heimathefte“ der Öffentlichkeit vor. Das Heft enthält im ersten Teil eine Kopie des 13 Seiten umfassenden Originaldokumentes, das im Hauptstaats-archiv in Wiesbaden (HHSTAW) aufbewahrt wird. Die Transkription dieses Dokumentes wurde von dem Hobbygenealogen und Heimatforscher Herrn Hanno Müller aus Fernwald-Steinbach vorgenommen. Im zweiten Teil werden die im Dokument genannten Bauteile der Schmelz-Hütte beschrieben und die Gewerke genannt, die zur Errichtung der Hütte notwendig waren. Ausführlich befasst sich der Autor Hans-Gerhard Stahl mit den bezahlten Löhnen beim Bau der Hütte und den damals geltenden Preisen. Im abschließenden Kapitel, das von dem Autor der bisherigen Heimathefte Erwin Glaum bearbeitet wurde, wird auf die Erze eingegangen, die in der Schmelz-Hütte bei Oberkleen verarbeitet wurden.  

 

Die Zeit zwischen 1450 und 1590 war für die Dörfer des oberen Kleebachtales eine Blütezeit. Zwischen 1450 und 1500 wurde der Kirchturm der Oberkleener St. Michalis Kirche errichtet. Als ein Symbol des Reichtums kann auch das im späten 15. Jahrhundert aus Silber gefertigte Abendmahlsgeschirr der Oberkleener Kirche gelten. Im Jahre 1574 wurde das Amtshaus in Cleeberg gebaut und 8 Jahre später (1582) wird das Rathaus in Oberkleen seiner Bestimmung übergeben. Zuvor hatte man im Jahre 1562 die Schmelz-Hütte zwischen den Ortschaften Cleeberg und Oberkleen erstellt. Alle vier Gebäude waren für das obere Kleebachtal und im Speziellen für das Amt Cleeberg von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Alleine für die Schmelz-Hütte betrugen die Baukosten ca. 400   Gulden, was in der damaligen Zeit einem Gegenwert von drei bis vier größeren Wohnhäusern entsprach. Begründet war der Reichtum vermutlich durch die reichhaltigen Erzvorkommen am Gaulskopf bei Espa. In den Gruben „Silbersegen“ und „Amalie“ wurden schon in der Mitte des 15. Jahrhunderts Silber-, Kupfer- und Bleierze abgebaut.

 

Schmelz-Hütte mit 3 Öfen (Agrigola, De Re Metallica Libri XII, Marixverlag Wiesbaden)

Der in Glauchgau  in Sachsen im Jahre 1494 geborene und in Chemnitz 1555 gestorbene Gelehrte Gregorius Agricola beschreibt in seinem 12bändigen Werk „DE RE METALLICA LIBRI XII“ detailliert die Aufbereitung der Erze für das Schmelzen und die Gewinnungsverfahren der Metalle in den verschiedenen Schmelzöfen. In zahlreichen Abbildungen (Holzschnitte) gibt Agricola einen Einblick und eine Vorstellung wie die Einbauten einer Schmelz-Hütte zur damaligen Zeit ausgesehen haben und beschreibt deren Funktion. Da das Werk in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden ist, kann man davon ausgehen, dass der von Agricola beschriebene Stand der Technik im Hüttenwesen auch in etwa beim Bau der Schmelz-Hütte bei Oberkleen realisiert wurde. Da es keine Darstellungen von der Schmelz-Hütte bei Oberkleen und ihren Einbauten gibt, verwendet der Autor Hans-Gerhard Stahl in seinem Heft mit Genehmigung des Marixverlages / Wiesbaden viele dieser Darstellungen um die oft nur schwer verständlichen Texte im Dokument in eine technische Beschreibung zu transportieren. Folgende Einbauten sind in der Baukosten-Aufstellung genannt: Wasserrad, Wellbaum, Blasebalg, Pochwerk sowie Röstofen und Schmelzofen.

 

Laufrad, Welle (Wellbaum) und Pochwerk (Agrigola, De Re Metallica Libri XII, Marixverlag Wiesbaden)

Das Wasserrad saß auf einer Welle und bewegte die Stempel des Pochwerkes zum Zerkleinern der Erzstücke und die Blasebälge, mit deren Hilfe den Schmelzöfen Luft bzw. Sauerstoff zugeführt wurde. Das Wasserrad samt Zubehör wurde von Meister Baltzern aus Niederkleen hergestellt. Laut Baukosten-Aufstellung erhielt er für seine Arbeiten einen Arbeitslohn von13 Gulden, 6 ½ Turnosen und 9 Heller. Geht man davon aus, dass der Tageslohn eines Handwerkers im Mittel 32 Heller betrug, dann war eine Arbeitsleistung von ca. 90 Manntagen notwendig, um das Wasserrad herzustellen. Für die Welle (der Wellbaum), auf dem das Laufrad saß, musste ein Baum ausgesucht werden, der in Größe und Aussehen den Anforderungen genügte. Die Herstellungskosten der Welle betrugen ca. 10 Gulden. Hierin enthalten sind ein nicht unerheblicher Anteil an Verzehrkosten für die Beamten (berittener Förster), Zimmerleute (Behauen des Stammes) und Hilfskräfte.

 

So könnte die Schmelz-Hütte bei Oberkleen ausgesehen haben (Bleistiftzeichnung des HGO-Mitgliedes Peter Mechler)

Für einen Schmelz- oder Röstofen wurde ein Blasebalg  benötigt, mit dem der Brennstelle Luft und damit Sauerstoff zugeführt wurde, um die Verbrennungstemperatur zu steigern und den Schmelzvorgang zu beschleunigen. Die beiden in der Baukosten-Aufstellung genannten Blasebälge sind der größte Ausgabeposten mit 52 ½ Gulden, 3 Turnosen und 6 Heller. Alleine ein Betrag von 3 Gulden war notwendig, um die Bälge, die in Frankfurt gefertigt wurden, nach Oberkleen zu transportieren. Mit Hilfe des Pochwerkes wurden die in den Bergwerken geschlagenen Roherze zerkleinert und für den Schmelzvorgang aufbereitet. Das Pochwerk bestand aus mehreren Pochstempeln mit einem quadratischen Querschnitt von ca. ½ Fuß Stärke und ca. 9 Fuß Länge ( Fuß = ca. 28 cm). Die Stempel wurden von der drehenden Welle angehoben und fielen durch ihr Eigengewicht wieder zurück, so dass ein kontinuierliches Pochen  (Zertrümmern) der Stein- und Erzstücke möglich war. Meister Baltzern aus Niederkleen erhielt für die Anfertigung des Pochwerkes und der beiden Blasebalggerüste einen Arbeitslohn von 15 Gulden.

 

In der Baukosten-Aufstellung sind viele Gewerke aufgeführt. Die Wichtigsten sollen hier genannt werden:

- Fundament ausgraben

- Ausgrabungen am Wasserrad

- Ziegel und Mauersteine herstellen

- Backsteine für den Schmelzofen herstellen 

- Herstellen des Gebäudes, der Schmelzöfen und das Röstofens 

- Dachdeckerarbeiten

 

Von  der Größe der Schmelz-Hütte zeugen auch die 165 Kubikmeter (192 Fuder) gebrochene Mauersteine (Kalksteine) sowie die 5.500 Ziegel und 200 Backsteine, die zum Bau der Schmelz-Hütte benötigt wurden. Alleine um die Menge Mauersteine zu brechen wurden vom Amt Cleeberg 7 Gulden gezahlt. Dies entspricht einer Arbeitsleistung von 47 Manntagen. Zusätzlich wurden laut Baukosten-Aufstellung für den Transport der Mauersteine zur Schmelz-Hütte ca. 12 Gulden entrichtet.

 

Modellhafte Darstellung der Zusammen-setzung des Erzes Kupferkies aus Kupfer, Eisen und Schwefel.

Die Hütte bei Oberkleen hatte 3 Schmelzöfen  und einen Röstofen. Das Rösten der Erze war notwendig um „fette Bestandteile“ wie Bitumen und Schwefel vor dem Schmelzen zu verbrennen und dadurch die Reinheit der Metalle zu steigern. Der Mitautor Erwin Glaum beschreibt in Kap. 7 des Heftes das Rösten von Bleiglanz und Kupferkies und geht auf die chemischen Vorgänge des Schmelzens der Metalle in den Schmelzöfen ein. „Meister Henrich von Weilmünst von der Schmeltz Hütt zumach geb vff sein Costen“, so steht es im Original-Dokument. Für das Bauen und planen der Hütte erhielt der Meister einen Betrag von 35 ½ Gulden. Jacob Meuern erhielt für das Aufmauern des Röstofens und der 3 Schmelzöfen einen Betrag von 13 Gulden,10 Turnosen und 4 Heller, was einer Arbeitsleistung von 88 Manntagen entspricht.

 

Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war es üblich, dass die Handwerker von den Bauherren bewirtet wurden. Sie erhielten neben dem Lohn für ihre Arbeit auch oft ein Mittagessen. In der Baukosten-Aufstellung werden an vielen Stellen Verzehrkosten genannt, die vom Amt Cleeberg an die Beamten, Meister, Handwerker und Hilfskräfte gezahlt wurden. So steht z.B. als Begründung in der Baukosten-Rechnung: „beim Zentgraf verzehrtt worden als sie den Wellbaum behawenn sollte(n)“. Die Aufsummierung der gesamten in der Baukosten-Aufstellung genannten Verzehrkosten ergibt einen Betrag, der 8,3% der Gesamtbausumme ausmacht. So wurden 15 Gulden aufgewendet, um das Richtfest zu feiern. Diese Summe enthielt sicherlich neben den Getränkekosten auch Essenskosten. So dürften mehrere Schweine geschlachtet worden sein, um das Ereignis angemessen zu feiern.

 

Wer sich näher mit der Errichtung der Schmelz-Hütte beschäftigen möchte, kann das Heft über folgenden Link bestellen.

  

Kaiserlinde und Napoleonstock 

Zwei historische Stätten in Oberkleen 

 

Rathaus in Oberkleen um das Jahr 1930 (am linken Bildrand die junge Kaiserlinde)

Kaiserlinde

Eine der Entscheidungsschlachten der Befreiungskriege gegen Napoleon war die im Oktober 1813 stattgefundene Völkerschlacht bei Leipzig, bei der Truppen der Verbündeten Österreich, Preußen, Russland und Schweden gegen die Truppen Napoleons kämpften. Der Sieg der Verbündeten, insbesondere der Preußen über Napoleon, war einer der Gründe, dass im Jahre 1913 dieser 100jährigen Wiederkehr gedacht wurde. Der zweite Grund für die im Jubiläumsjahr statt gefundenen Feierlichkeiten war das 25jährige Thronjubiläum des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. am 15. Juni 1913.

König Friedrich Wilhelm III. hatte im März 1813 Frankreich den Krieg erklärt und in dem Aufruf „An mein Volk“ bei seinen Untertanen um Unterstützung für den Kampf gegen Napoleon I. gebeten. Die Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 war die Entscheidungsschlacht der seit März andauernden Kriegshandlungen zwischen Preußen und seinen Verbündeten auf der einen Seite und Frankreich auf der anderen Seite. Diese Schlacht forderte auf beiden Seiten nahezu 100.000 Tote und Verwundete und galt aus militärischer Sicht bis zum Beginn des 1. Weltkrieges als die größte Schlacht der Weltgeschichte.

Der Sieg über Napoleon und das Gedenken an die Opfer wäre im Kaiserreich des Jahres1913 alleine ein Grund für Feierlichkeiten und Gedenkfeiern gewesen. Hinzu kam das 25jährige Thronjubiläum von Kaiser Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser. Friedrich Wilhelm hatte im Dreikaiserjahr 1888, nachdem sein Großvater Wilhelm I. im März verstorben war und der an Kehlkopfkrebs erkrankte Vater im Juni starb, als Wilhelm II. am 15. Juni 1888 den Thron bestiegen.

Die im Jahre 1913 gepflanzte Kaiserlinde vor dem Westportal des Rathauses in Oberkleen (Die Aufnahme entstand im Frühjahr 2013)

Zur Erinnerung an diese Ereignisse fanden im ganzen Land Gedenkfeiern statt. In Oberkleen, so berichtet der Dorfchronist, fand am 10. März des Jahres 1913 eine Schulfeier statt. Am 15. Juni wurde der Regierungsübernahme vor 25 Jahren gedacht und am 18. Oktober, dem Entscheidungstag der Völkerschlacht bei Leipzig eine Kaiserlinde vor dem Rathaus gepflanzt. Von 12 Uhr bis 13 Uhr wurde mit allen Glocken geläutet und am Abend des gleichen Tages zogen viele Einwohner aus dem Dorf auf den gegenüberliegenden Berg, wo ein Freudenfeuer entzündet wurde. 

 

 

Napoleonstock

Man kann davon ausgehen, dass der Napoleonstock an der Straße von Oberkleen nach Oberwetz bereits Anfang des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurde. In den Bürgermeisterrechnungen von Oberkleen findet man im Ausgabenteil für die Jahre um 1806 Buchseiten die mit "Kriegskosten" überschrieben sind. Hierbei dürfte es sich aber mehr um Besatzungskosten gehandelt haben. Beispielsweise erhielt Pfarrer Münch für die Einquartierung französischer Offiziere im Pfarrhaus Geld aus der Gemeindekasse.

Nachfolgend sind einige Ausgabenposten genannt, die im Rechnungsbuch des Jahres 1806 genannt sind:

 

  • "Dem Martin Reuter für Stroh und Hafer, so der CavaIlerie abgegeben wurde"
  • "für Stroh, welches an die Einquartierung abgeliefert wurde"
  • "Dem Johann Pauli, welcher einem Franzosen ein paar Schuhe repariert hat"
  • "Dem Pfarrer Münch für die Bewirthung der bei ihm einquartierten französischen Offiziers"

Letzterer bekam aus der Gemeindekasse 297 Gulden und 48 Kreuzer
(1 Gulden = 60 Kreuzer = 240 Pfennige).

 

Im Almosenbüchlein der Oberkleener Kirchengemeinde des Jahres 1811 ist vermerkt, dass am 1.  Sonntag nach Ephi. 14 Kreuzer als Kollekte eingenommen wurden. 

 

Das Denkmal Napoleonstock an der Straße von Oberkleen nach Oberwetz (Aufnahme August 2013)

War der Napoleonstock an der Straße von Oberkleen nach Oberwetz ein anfänglich aus Holz errichtetes Denkmal, so ist er vor vielen Jahren durch einen Betonpfahl ersetzt worden. Mitglieder des Heimat- und Geschichtsvereins Oberkleen e.V. haben die umgebende Fläche gesäubert und die Beschriftung des Pfahls erneuert. Heute ist der Napoleonstock ein gekennzeichnetes Wegekreuz und Anlaufpunkt für Wanderer und Mountain-Biker. Der Elisabethenpfad, der von Marburg nach Frankfurt führt, der Schinderhannesweg und ein Fern-Wanderweg des Taunusklubs treffen sich am Napoleonstock.      


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